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# Alles nach Protokoll
- URL: https://www.stellproben.ch/alles-nach-protokoll/
- Published: 2026-05-20T05:01:51.000Z
- Updated: 2026-08-26T15:34:29.000Z
- Description: Was eine Notfallstation über Regelwerke weiss
- Author: Alain Gloor
- Tags: #Migrated-1787749896042, #Import 2026-08-26 13:11, Nebenbefund

In der HBO-Serie [*The Pitt*](https://de.wikipedia.org/wiki/The%5FPitt?ref=stellproben.ch), die auf einer Notfallstation in einem Krankenhaus in Pittsburgh spielt, stirbt in der ersten Szene der zweiten Staffel ein Patient. Die Ärzt:innen haben alles richtig gemacht – den sogenannten Vtach-Algorithmus befolgt, auf reversible Ursachen geprüft, Rhythmus- und Pulschecks korrekt angewendet. Alles nach Protokoll. Die stellvertretende Oberärztin Al-Hashimi sagt dem Team danach: «You should have recognized that the cardiac rhythm on the monitor was polymorphic, not just Vtach. It was *torsades de pointes*. (...) Your patient would have lived if you had pushed magnesium sulfate.» Was immer das genau bedeutet für einen Medizinlaien wie mich. Aber was ich verstehe: Der Patient ist gestorben, *weil* das Protokoll befolgt wurde. Nicht obwohl. Die Situation verlangte, einen Unterschied zu sehen, den das Protokoll nicht abbildet. Auf dem Monitor ist er zu sehen – aber nur, *wenn* man ihn sieht. Und *wenn* man ihn sieht, ist die Behandlung eine völlig andere. Die vermeintlich richtige Prozedur hat den Patienten getötet.

Der Notfallarzt und Lyriker Frank Huyler beschreibt in [*The Blood of Strangers*](https://www.ucpress.edu/books/the-blood-of-strangers/paper?ref=stellproben.ch) (1999), wie sich mit den Jahren die anfängliche Nähe zu Patient:innen «into the task» zurückzieht. Die Erfahrung wird zum Regelwerk, das nirgends steht. Bei *torsades de pointes* ist das tödlich.

![](https://storage.ghost.io/c/c1/c9/c1c90385-2796-4b6f-b07a-efc06fd0a832/content/images/2026/08/72312558-91d0-4b7f-87bb-36b5a2bdd493_755x399-jpeg-1.jpg)

###### Die stellvertretende Oberärztin Al-Hashimi konfrontiert das Team (rechts davon Robby). *The Pitt*, Staffel 2, Folge 1 (*7:00 A.M.*). Bild: HBO.

In der folgenden Episode untersucht die junge Ärztin Santos ein kleines Mädchen, Kylie. Angeblich ist es von einer Treppe heruntergefallen. Oberarzt Robby fragt Santos vor Al-Hashimi: «What is your gut telling you?» Al-Hashimi: «Her gut?» Robby: «Yeah, it’s this thing that AI will never have.» Santos: «I don’t want to think about what my gut is saying right now.» Sie vermutet Kindsmisshandlung. Kein Befund, kein Protokoll sagt ihr das. Nur die Situation – wie das Kind reagiert, wie es nicht weint beim Blutabnehmen, wie die Freundin des Vaters kaum Bescheid weiss. Robby sagt später, sie solle das Kind auf sexuellen Missbrauch testen lassen. Santos ist erschüttert. (Und wird recht bekommen.)

In derselben Folge soll bei einem in der Notfallaufnahme ausgesetzten Baby ein Urintest gemacht werden. Al-Hashimi findet, das Baby brauche dafür einen Katheter. Robby entgegnet: vielleicht auch nicht. Er löst es mit kaltem Wasser, einer Gaze und Erfahrung. Statt eines invasiven Eingriffs schafft ein Trick Abhilfe. Robby kennt den Trick, weil er seit langer Zeit Arzt ist.

Was in *The Pitt* sichtbar wird, ist das Verhältnis von Regelwerk und Moment – oder, wie es der Soziologe Hartmut Rosa sagen würde: von Konstellation und Situation.[1](#footnote-1) 

Wirklich interessant ist, was das System sanktioniert und was es schwelen lässt. In einem Fall wird klar sanktioniert: Der Arzt Langdon stiehlt Benzodiazepine, Beruhigungsmittel, von seinem eigenen Patienten. Er wird in die Reha geschickt (und kommt wieder zurück). Sein Verstoss ist dokumentierbar. Medikamente, die fehlen – das fällt auf. Die vielen situativen Abweichungen vom Protokoll, die jeden Tag passieren und Leben retten, sind unsichtbar, weil sie niemand festhält.[2](#footnote-2) Vielleicht steckt noch etwas anderes dahinter: Das System Notaufnahme «weiss», dass es nur funktioniert, weil Menschen die Regeln situativ brechen.

Bei der angehenden Ärztin King, deren Schicht wir die ganze Staffel mitgehen, läuft es anders. Über die gesamte Zeit hängt das Damoklesschwert einer Klage über ihr – eine Patientin aus Staffel 1, ein pädiatrischer Fall, der nicht gut ausging. Die Befragung findet spät in der Staffel statt, und sie geht für King schlecht aus. Am Ende der Staffel kommt die nächste Vorladung. Keine Entlastung, kein Urteil.

Zwei Arten von Sanktion. Langdons Verstoss ist zählbar: fehlende Ampullen, sofortige Konsequenz, sauberer Schnitt. Kings Entscheidung am Krankenbett ist es nicht – und gerade deshalb sanktioniert das System sie nicht durch ein Urteil, sondern dadurch, dass es das Verfahren laufen lässt. Es bestraft, was es zählen kann. Was es nicht zählen kann, lässt es schwelen. Würde es seine eigenen Regeln konsequent durchsetzen, würde niemand mehr Verantwortung übernehmen.

Die [CAMPO](https://www.campo-winterthur.ch/?ref=stellproben.ch)\-Zwischennutzung ist weit weg von einer Notaufnahme. In der Notaufnahme gibt es die Konstellation, und die Situation durchbricht sie. Bei uns ist es oft umgekehrt: Die Situation ist da, und die Konstellation fehlt noch – oder sie passt nicht. Genau dort, in diesem Dazwischen, passiert das meiste. Dabei geht es nicht um Leben und Tod. Aber es geht um etwas.

**Drei Sachen**

– Christine Smallwood*,* [*Brothers and Sisters*](https://harpers.org/archive/2026/04/brothers-and-sisters-christine-smallwood-siblings/?ref=stellproben.ch) (Harper’s Magazine, 2026). Über Geschwister in der Literatur – eigentlich über die Frage, wie man mit Menschen lebt, die man sich nicht ausgesucht hat.

– Cities and Memory:[*Obsolete Sounds*](https://citiesandmemory.com/obsolete-sounds/?ref=stellproben.ch). Ein tiefes Archiv verschwindender Geräusche – vom Einwahlmodem bis zum Gletschereis.

– Krumme Strasse, Folge 1 (2025): [*Andreas Reckwitz übers Erben in der Spätmoderne*](https://krumme-strasse.podigee.io/1-andreas-reckwitz-uber-das-erben-in-der-spatmoderne?ref=stellproben.ch). Warum Identitätskämpfe Erbstreitigkeiten sind und warum die spezifische Materialität von Kulturerbe einen Unterschied macht. Nebenbei geht’s auch um *Succession*.

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1. Hartmut Rosa vertieft das Verhältnis von Situation und Konstellation in seinem [neuen Buch](https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-t-9783518588338?ref=stellproben.ch) – im Untertitel prominent das «Verschwinden des Spielraums»: Es ist denn auch ein Plädoyer für Situationen, weil sie mehr von uns verlangen als blosses Handeln nach Vorgabe (und wir als Gesellschaft davon profitieren). Die in der Moderne überhandnehmenden Konstellationen machen uns zu reinen «Vollziehenden» – auch wenn Konstellationen für moderne Gesellschaften immer notwendig bleiben werden (Stichworte wie Gerechtigkeit, Transparenz). [Hier](https://www.deutschlandfunk.de/hartmut-rosa-situation-und-konstellation-vom-verschwinden-des-spielraums-100.html?ref=stellproben.ch) ein kurzer Hörbeitrag dazu. [↩](#footnote-anchor-1 "Jump back to footnote 1 in the text.")
2. Ein kluges Stilmittel ist der Entscheid der Macher:innen von *The Pitt*, die jeweils fünfzehn Folgen einer Staffel als eine durchgehende Arbeitsschicht zu zeigen. Jede Folge trägt als Titel eine Uhrzeit: *8:00 A.M.*, etc. Das führt den Zeitdruck vor Augen, unter dem Entscheidungen gefällt werden müssen. Noah Wyle, der Hauptdarsteller Robby spielt und Co-Produzent der Serie ist, hat als Referenz für diese durchgehende Bewegung durch Raum und Zeit Jonathan Glazers *[The Zone of Interest](https://de.wikipedia.org/wiki/The%5FZone%5Fof%5FInterest%5F%28Film%29?ref=stellproben.ch)* (2023) [genannt](https://de.wikipedia.org/wiki/The%5FPitt?ref=stellproben.ch). Dort wie in *The Pitt* gilt: Es gibt keinen Schnitt, der Distanz herstellt. Man ist drin.  
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