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# Gespräche am Tisch reichen nicht
- URL: https://www.stellproben.ch/gesprache-am-tisch-reichen-nicht/
- Published: 2026-04-08T04:00:51.000Z
- Updated: 2026-08-26T21:38:05.000Z
- Description: Was die HBO-Serie Succession (nicht) mit dritten Orten zu tun hat
- Author: Alain Gloor
- Tags: #Migrated-1787749896042, #Import 2026-08-26 13:11, Nebenbefund

In einer meiner Lieblingsserien sind Szenen am Tisch zentral. In [*Succession*](https://de.wikipedia.org/wiki/Succession%5F%28Fernsehserie%29?ref=stellproben.ch) dreht sich alles um den alternden Patriarchen Logan Roy, der mit Waystar Royco eines der grössten Medienunternehmen der Welt gründete und führt. Logans vier Kinder konkurrieren um seine Nachfolge. Gemeinsam zu Tisch, das markiert entscheidende Momente in der Serie – sei es beim Abendessen im Zuhause von Logan, im *Boardroom* im Hauptsitz von Waystar Royco oder wie in einer besonders [denkwürdigen Szene](https://youtu.be/dYqqW3c2mBU?ref=stellproben.ch), als sich die Führungsriege auf dem Land zur Jagd trifft – und einige *Executives* abends während des gemeinsamen Dinners von Logan gezwungen werden, auf allen Vieren zu gehen, wie Schweine zu grunzen und sich um Würstchen zu keilen.

![](https://storage.ghost.io/c/c1/c9/c1c90385-2796-4b6f-b07a-efc06fd0a832/content/images/2026/08/50e3f596-8d70-404f-8dc7-0565feff5241_756x504-jpeg-1.jpg)

###### «Boar on the Floor»: Logan Roy zwingt seine *Executives* während eines Jagdausflugs zum Grunzen um Würstchen. *Succession*, Staffel 2, Folge 3 («Hunting»). Bild: HBO.

Andere Episode, nächste Tischszene: Beim Abendessen im «Sommerpalast» fragt Roy seine Kinder, ob er die Firma verkaufen solle. Roman reagiert abgebrüht und fragt in die Runde, warum er seine Position schwächen solle, indem er sie preisgibt? «Family is a space of competition, not collaboration», schreibt Jorge Cotte in der *Los Angeles Review of Books* in einem Text über die Familiendynamik in *Succession*.[1](#footnote-1)

Am Tisch in *Succession* wird eigentlich gar nie etwas «gelöst». Man kommt sich nicht näher, legt keine Konflikte auf die Seite, findet keine gemeinsame Basis für geschäftliche Probleme. Alles ist durchdrungen von Intrigen, Leidenschaften, Emotionen. *Messy*. Auch die Kamera kommt nicht zur Ruhe: «a framing that is always in motion: following, swaying, trembling, wobbling, zooming, focusing and re-focusing».[2](#footnote-2)

Sitzen wir nur gemeinsam an den Tisch und reden miteinander – dann kommt es gut. Das bessere, rationalere Argument setzt sich durch, und wir können gemeinsam vorwärts gehen. Spätestens seit dem Philosophen Jürgen Habermas prägt diese Vorstellung das politische Denken: Verständigung als Grundlage von Politik.[3](#footnote-3) Die Tischszenen in *Succession* zeigen, wie wenig davon übrig bleibt, wenn Macht, Affekte und Familiengeschichte im Raum stehen.

Trotzdem halten wir an der Vorstellung fest. [*Deutschland spricht*](https://www.zeit.de/serie/deutschland-spricht?ref=stellproben.ch) (2017), eine Aktion der *ZEIT*, brachte Menschen mit gegensätzlichen politischen Haltungen an den Tisch – in der Schweiz gab es ähnliche Formate, auch [einen Ableger](https://www.zeit.de/gesellschaft/2018-08/schweiz-spricht-2018-anmeldung?ref=stellproben.ch) des *ZEIT*\-Formats. Dem ist nichts entgegenzuhalten, miteinander reden ist gut, einander zuhören noch besser. Dahinter steckte jedoch oft genug das Ansinnen, «die Demokratie zu retten». Nur waren die Voreinstellungen dieser Aktionen nicht auf Ergebnisoffenheit geeicht. Sie waren so kalibriert, dass sich implizit oder explizit eine Vorstellung transportierte, wie sich Menschen für die Demokratie einzusetzen und für welche Werte sie einzustehen hätten. Nur funktioniert es so nicht.

Die Politikwissenschaftlerin und Psychologin Sarah Stein Lubrano beschreibt in *[Don’t Talk about Politics](https://www.bloomsbury.com/uk/dont-talk-about-politics-9781399413916/?ref=stellproben.ch)* (2024) präzise, warum. Nicht nur die Familie ist, wie in *Succession*, ein «space of competition» – auch die Öffentlichkeit. Die Sphäre, in der Argumente ausgehandelt werden, ist nicht neutral: Recht bekommt nicht, wer das bessere Argument auf seiner Seite hat, sondern wer mehr Macht hat, die Medien auf seiner Seite, oder wessen Argumente gerade in eine Zeit fallen, in der sie besondere Tragkraft entfalten.[4](#footnote-4) Das ist nicht falsch oder schlecht, es ist einfach so (gut, geschenkt, mit dem Kapitalismus hat das Funktionieren der Sphäre schon auch zu tun). Aber daraus heraus kommt man (vorerst) nicht.

Was mich an Sarah Stein Lubranos Buch überzeugt hat, ist, dass sie nicht bei der Diagnose stehen bleibt und sich stattdessen in einer Medizin versucht. Und für einmal ist es nicht pauschal «Bildung».

Wenn Reden und Argumentieren nicht zu den gewünschten Resultaten führen — was dann? Lubrano schlägt [*dritte Orte*](https://en.wikipedia.org/wiki/Third%5Fplace?ref=stellproben.ch) vor: Orte, wo weder gewohnt noch gearbeitet wird, sondern wo man sich begegnen und vor allem *ergebnisoffen gemeinsam ins Machen* kommen kann. In der Hoffnung, dass das gemeinsame Machen, in kleinen, lokalen Kontexten, zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit und gemeinsamen Momenten des Gelingens führt – und auch des Scheiterns. Das gemeinsame Projekt gibt Orientierung, stellt einen aber auch vor neue Fragen.

In der [CAMPO](https://www.campo-winterthur.ch/?ref=stellproben.ch)\-Zwischennutzung konnte ich etwas beobachten. (Klammer auf:) Das ist eine Zwischennutzung – auf dem Stück Land, auf dem die [Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte](https://www.skkg.ch/?ref=stellproben.ch) in naher Zukunft ihren neuen Stiftungssitz baut. Es entsteht ein Ort für Arbeit, Leben und Kultur. In der Zwischenzeit treten wir, ausgehend von den bereits bestehenden Bauten vor Ort, mit CAMPO in Beziehung mit der Nachbarschaft: fixer Mittagstisch von Montag bis Freitag, einmal pro Monat die «CAMPO Bar», ein schon erstaunlich dichtes Programm, Projekte von und mit der Nachbarschaft, etc., etc. Ich bin verantwortlich für das Team vor Ort, das den Betrieb leitet und unsere inhaltlichen Ziele umsetzt (Klammer zu).

Ich habe also beobachtet, wie ein älteres Paar aus der Nachbarschaft, das sich zu Beginn vor allem über den Basketballkorb und die damit verbundenen Prellgeräusche auf dem Parkplatz genervt hat, mittlerweile regelmässig zur CAMPO Bar kommt – und dort gerne mit anderen am Tisch verweilt. Gemeinsam gemacht haben sie nichts direkt. Trotzdem hat sich etwas verändert, und ich kann nicht genau sagen, was. Eine Nachbarin, die sich über den kommenden Neubau ärgerte – er wird ihr die Aussicht nehmen –, hat dabei geholfen, eine [Filmgruppe](http://www.filmgruppe710.ch/?ref=stellproben.ch) ins CAMPO zu bringen, die jetzt zweiwöchentlich Filme zeigt. Niemand hat diese Menschen an einen Tisch gesetzt. Sie waren da, sie haben etwas erlebt, und der Ort hat etwas mit ihnen gemacht. Allerdings: Auch die Roys arbeiten gemeinsam an etwas – und dort hilft auch das nichts. Gut möglich, weil eben alle immer ein fixes Ergebnis im Blick haben.

Seit Kurzem steht [eine Sauna im Stil einer Tankstelle](https://www.campo-winterthur.ch/aktuell/manche-moegens-heiss?ref=stellproben.ch) in der CAMPO-Zwischennutzung auf dem Parkplatz. Warum das so ist, darauf werde ich in einem anderen Text eingehen. Ich erzähle hier davon, weil wir für die Sauna noch keine Betreiberin haben. Wir suchen eine Gruppe von Menschen aus dem lokalen Kontext, die den Betrieb übernimmt. Wie sich diese Gruppe findet, organisiert und verständigt, wird sich zeigen müssen.

**Drei Sachen**

– Die Schriftstellerin Otessa Moshfegh [im Interview mit ](https://www.harpersbazaar.com/culture/art-books-music/a70500351/ottessa-moshfegh-interview-2026/?ref=stellproben.ch)[*Harper’s Bazaar*](https://www.harpersbazaar.com/culture/art-books-music/a70500351/ottessa-moshfegh-interview-2026/?ref=stellproben.ch) (2026). Über Alleinsein als Bedingung fürs Schreiben und den Zusammenhang zwischen einem Singen eines Lieds und dem Halten einer Rede.

– Der Philosoph Jürgen Werner schreibt [hier](https://juergen-werner.com/?ref=stellproben.ch) täglich eine Notiz. Einer der vielen Sätze daraus, die mir hängen bleiben: «Menschlichkeit zeigt sich nicht zuletzt in der Bereitschaft, Überflüssiges zu tun.»

– Der Schrifsteller Ocean Vuong [im Gespräch bei ](https://onbeing.org/programs/ocean-vuong-a-life-worthy-of-our-breath-2022/?ref=stellproben.ch)[*On Being*](https://onbeing.org/programs/ocean-vuong-a-life-worthy-of-our-breath-2022/?ref=stellproben.ch) (2022). Mich berührt, wie bei Ocean Vuong beim Zuhören spürbar wird, wie Denken und Fühlen zusammenhängen.

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1. Jorge Cotte: [Motion Sickness: Disavowing HBO’s ](https://lareviewofbooks.org/article/motion-sickness-disavowing-hbos-succession/?ref=stellproben.ch)*[Succession](https://lareviewofbooks.org/article/motion-sickness-disavowing-hbos-succession/?ref=stellproben.ch)*, *Los Angeles Review of Books* (2019). Etwas weiter unten schreibt er über die Rolle des Tischs in *Succession*: «For the Roys, business is intimate work, and every room with enough chairs is a boardroom. So, the stability of the table’s form becomes the instability of the Roy family form, and instead of structuring support, tables become surfaces for explosion and disintegration. The show revolves around these reunions that are collisions.» [↩](#footnote-anchor-1 "Jump back to footnote 1 in the text.")
2. Ebd. [↩](#footnote-anchor-2 "Jump back to footnote 2 in the text.")
3. Ein wichtiges Konzept von Habermas ist in diesem Zusammenhang [das Verständnis der Demokratie als deliberativ](https://de.wikipedia.org/wiki/Deliberative%5FDemokratie?ref=stellproben.ch). [↩](#footnote-anchor-3 "Jump back to footnote 3 in the text.")
4. [Hier](https://nextbigideaclub.com/magazine/talking-never-changes-someones-politics-bookbite/56557/?ref=stellproben.ch) gibt’s eine kernige Zusammenfassung von Lubranos wichtigsten Punkten.  
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