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# Grit meets Glitter
- URL: https://www.stellproben.ch/grit-meets-glitter/
- Published: 2026-04-22T04:01:16.000Z
- Updated: 2026-08-26T15:34:30.000Z
- Description: Betrieb als Inhalt
- Author: Alain Gloor
- Tags: #Migrated-1787749896042, #Import 2026-08-26 13:11, Vom Fach

Eine britische Studie aus dem Jahr 2007 (!) hat herausgefunden, dass Museumsbesuche vor allem sozial motiviert sind.[1](#footnote-1) Von den Besucher:innen kommen 48 Prozent nicht wegen der Ausstellung. Sie kommen wegen der Begleitung und wegen des sozialen Versprechens eines Museumsbesuchs. Was bedeutet das für museale Institutionen?

Kürzlich bin ich im Netz zufällig über eine neu ausgeschriebene Stelle im [London Museum](https://www.londonmuseum.org.uk/smithfield/?ref=stellproben.ch) gestolpert, das kurz vor seiner Wiederöffnung steht.[2](#footnote-2) Und ich habe dort fast zwanzig Jahre später eine Antwort gefunden (nicht, dass es dazwischen nicht auch Antworten gegeben hätte). Das London Museum sucht einen «Experience Lead». Eine Rolle, die es vorher nicht gab, in einem Museum, das es so vielleicht noch nicht gibt.

Das London Museum soll sehr früh öffnen und sehr spät schliessen, «reflecting London’s reputation as a 24-hour city». Eine aktive Zuglinie verläuft neben dem unterirdischen Ausstellungsraum – ein Fenster in der Architektur schafft eine Verbindung zwischen Zugfahrenden und Museumsbesucher:innen. Um das Museum herum werden Einheiten an unabhängige Restaurants, Einzelhändler und Büros vermietet. Und zwar in einem der dichtesten urbanen Kontexte der Welt.[3](#footnote-3)

![](https://storage.ghost.io/c/c1/c9/c1c90385-2796-4b6f-b07a-efc06fd0a832/content/images/2026/08/d41bf153-32d4-4809-9f6b-55f9172f66f3_1500x1200-bin-1.webp)

###### Visualisierung des London Museum Smithfield. (Bild: © Secchi Smith)

Der «Experience Lead» wird nicht in ein bestehendes Museum wirken, sondern soll etwas von Grund auf aufbauen: «You will be building something from nothing – and making it work, beautifully, operationally and emotionally.»

Die Stellenausschreibung macht ein paar starke Ansagen: «Visitors feel held, not processed.» Und: «You do not need to come from a museum background.» Es ist die Sprache von vier «Layern»: «Space – What does the building do to people? Experience – Are we passive? Immersive? Transactional? Transformational? Tempo – Entry. Transition. Exit. Friction points. Energy flow. Pulse – Morning school groups. Midday families. Late afternoon fatigue. Events. Weather shifts. Cultural moments.» In aller Kürze: «This is where design meets operation, strategy meets reality — where grit meets glitter.»

Wo ich am meisten hängen blieb: «You do not need to come from a museum background.» Hier wird’s spannend. «Space, Experience, Tempo, Pulse» - «Space» und «Experience» klingen noch nach Museum. «Tempo» und «Pulse» nicht mehr. Es geht um Hospitality, Retail, Events. Aber ist das wirklich neu?

In der Spitzengastronomie zumindest nicht. Will Guidara, der das [Eleven Madison Park](https://www.elevenmadisonpark.com/?ref=stellproben.ch) von der Seite des Gastes führte, während der Schweizer Koch Daniel Humm die Küche leitete, beschreibt in [*Unreasonable Hospitality*](https://www.penguin.co.uk/books/462487/unreasonable-hospitality-by-guidara-will/9781529146813?ref=stellproben.ch) (2022), wie er Hospitality obsessiv zum Kern des Restaurants machte. Hat das Personal zum Beispiel bei einem Gast überhört, dass jetzt nur noch ein echter Hot Dog von der Strasse für die komplette New York-Erfahrung fehle, wurde das organisiert und im Fine-Dining-Stil zur grossen Überraschung aller serviert. Oder eine Familie aus Spanien, die Kinder hatten noch nie Schnee gesehen: Das Team organisiert Schlitten und Limousine, fährt sie nach dem Dinner in den Central Park. Der Kerngedanke: «Service is black and white, hospitality is colour.» (Im Fall des Schlittelns im Schnee war zwar tatsächlich weiss …).

Ich lese Guidara und erkenne meinen Alltag – weniger *fancy*, aber genauso relevant. In der [CAMPO](https://www.campo-winterthur.ch/?ref=stellproben.ch)\-Zwischennutzung konnte ich vor einem Jahr eine Praktikantin aus der Sozialen Arbeit aufnehmen, weil mir bewusst wurde, dass ein Ort wie unserer Kompetenzen braucht, die ein Museumsbetrieb (mein professionelles Umfeld bislang) nicht hat. Wir haben ein Ausbildungskonzept für Soziale Arbeit entwickelt, das es Hochschulen im Feld Soziale Arbeit erlaubt, bei uns Praktikant:innen zu platzieren. Und vor ein paar Monaten habe ich einen Sozialarbeiter mandatiert, der als «Quartieragent» die Beziehung zur lokalen Bevölkerung gestaltet.

Das Eleven Madison Park machte Hospitality zum Produkt, nicht zum Add-on. Dabei ging Guidara von folgender «95-Prozent-Regel» aus: 95 Prozent hocheffizient managen, die restlichen 5 Prozent «foolishly» ausgeben für Momente, die unvergesslich werden. Das hat als Businessmodell funktioniert. Guidara kam aus dem Museumsbetrieb. Er hat die Restaurants im [MoMA](https://www.moma.org/?ref=stellproben.ch) geleitet – doch er hatte das Gefühl, dort zu wenig Gestaltungsraum zu haben.

Dass Guidara auch Co-Produzent der Serie [*The Bear*](https://de.wikipedia.org/wiki/The%5FBear:%5FKing%5Fof%5Fthe%5FKitchen?ref=stellproben.ch) ist – in der eine Küche gleichzeitig Schlachtfeld, Therapieraum und die Gerichte ein Kunstwerk sind –, überrascht nicht. Die Serie zeigt in jeder Folge, was Guidara meint: Betrieb ist kein Rahmen. Betrieb ist alles.

Guidara hat Eleven Madison Park nicht durch besseres Essen zum besten Restaurant der Welt gemacht, sondern durch den Betrieb. Museen könnten von dieser Einsicht lernen – tun es aber kaum. Vielleicht entdecken sie gerade, was Restaurants schon lange wissen: Betrieb ist Inhalt. Aber stimmt das wirklich? Oder formuliert das London Museum nur besser, was andere längst tun? Vielleicht liegt das Neue nicht in der Einsicht, sondern darin, dass eine Institution es ausspricht und eine Stelle dafür schafft.

Das London Museum erfindet eine Rolle dafür. Will Guidara hat es im Restaurant vorgemacht. Und Kate Parsons, Director of Conservation, Collections Care & Access im [V&A East Storehouse](https://www.vam.ac.uk/east/storehouse/visit?srsltid=AfmBOop9msap5F4arD2OyaFhTjn5Tdn4iuMHuduqny2iIh%5Fi8xuJpuZ1&ref=stellproben.ch), baut gerade einen ganzen Betrieb um die Idee, dass Zugang keine Dienstleistung ist, sondern der Zweck der Institution – mit neuen Rollen, die es vor drei Jahren noch nicht gab, und dem Versprechen, dass jede:r jedes Objekt sehen kann, so einfach wie eine Restaurantreservation.[4](#footnote-4)

Aber all diese Institutionen fügen etwas *hinzu* – eine neue Stelle, ein neues Programm, eine neue Denkweise. Die Grundstruktur bleibt: hier Betrieb, dort Inhalt.

Im CAMPO-Neubau, der im 2030 seine Türen öffnen soll, soll sich die betriebliche mit der programmatischen Ebene stark verweben. CAMPO soll ein Ort werden, an dem eine Sammlung und ihr Betrieb, eine Nachbarschaft und ihre Gegenwart sowie Gewerbe, Wohnen und eine Institution im selben Haus sind. Wie dieser Raum funktioniert – wer kocht, wer kommt, was gezeigt wird, was passiert, wenn nichts gezeigt wird, wer wie und wo mitmacht oder selbst macht – das ist wohl nicht einfach der Rahmen für den Inhalt. Wie sich die beiden Ebenen zueinander verhalten, gehört zu den offenen, spannendsten Fragen. Die 48 Prozent, die wegen des Sozialen ins Museum kommen, warten jedenfalls nicht auf unsere Antwort.

**Drei Sachen**

– [*The Bear*](https://de.wikipedia.org/wiki/The%5FBear:%5FKing%5Fof%5Fthe%5FKitchen?ref=stellproben.ch) (FX/Hulu, seit 2022). Die Serie zeigt auch die dunkle Seite dessen, wenn alles Betrieb ist – und der Betrieb einen auffrisst. Trotzdem grosses Kino.

– Michael Hagner, bei dem ich vor vielen Jahren an der ETH Zürich meine Masterarbeit geschrieben hatte, und Leon Engler, [dessen Buch](https://www.dumont-buchverlag.de/buch/leon-engler-botanik-des-wahnsinns-9783755800538-t-7664?ref=stellproben.ch) ich gern gelesen habe, in der [*Sternstunde Philosophie*](https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/was-ist-psychisch-krank-ueber-normalitaet-und-wahnsinn?urn=urn:srf:video:e4a8de45-b7a4-43f5-b2aa-d97934e2f779&ref=stellproben.ch): *Was ist psychisch krank?* (SRF, 2026). Über Diagnosen, Vererbung und die Frage, ob das Raster, was als normal gilt, immer enger wird – oder wir immer kränker werden.

– Roland Reichenbach bei Barbara Bleisch, [*Zimmer 42*](https://www.srf.ch/audio/sternstunde-philosophie-zimmer-42-mit-barbara-bleisch/verhandeln-wie-krieg-ich-was-ich-will-roland-reichenbach?id=AUDI20260224%5FNR%5F0005&ref=stellproben.ch): *Verhandeln – Wie krieg ich, was ich will?* (SRF, 2026). Argumente werden beim Verhandeln masslos überschätzt, sagt Reichenbach. Wer überzeugen will, muss wissen, was das Gegenüber braucht – nicht, was man selbst für richtig hält. Eine Frage der Beziehung. Klingt nach dem Gegenteil von Habermas. Oder nach dem, was ich in der [ersten Stellprobe](https://open.substack.com/pub/stellproben/p/gesprache-am-tisch-reichen-nicht?r=85tubb&utm%5Fcampaign=post&utm%5Fmedium=web) beschrieben habe.

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1. Morris Hargreaves McIntyre, *Audience Knowledge Digest* (2007). Link zum PDF [hier](https://www.culturehive.co.uk/wp-content/uploads/2013/04/audience-knowledge-digest1.pdf?ref=stellproben.ch). [↩](#footnote-anchor-1 "Jump back to footnote 1 in the text.")
2. «Experience Lead» (Smithfield), London Museum, [Job Description](https://drive.google.com/file/d/1kdagLULnxazEiDaWd%5FZ6hYz2IdDUVQ-U/view?usp=sharing&ref=stellproben.ch) und [Candidate Brief](https://drive.google.com/file/d/1i0RaWfDQkTZ64424VxEEYqeXjB2pFutd/view?usp=sharing&ref=stellproben.ch). (Quelle: londonmuseum.org.uk, 2026). [↩](#footnote-anchor-2 "Jump back to footnote 2 in the text.")
3. [Hier](http://londonmuseum.org.uk/smithfield?ref=stellproben.ch) mehr zum London Museum Smithfield. [↩](#footnote-anchor-3 "Jump back to footnote 3 in the text.")
4. Wie das in der Praxis aussieht, habe ich mit Kate Parsons im [SKKG](https://www.skkg.ch/?ref=stellproben.ch)\-Podcast *[Wohin damit? Unterwegs in die Zukunft des Kulturerbes](https://www.skkg.ch/kosmos/podcast?ref=stellproben.ch)* in [Folge 12](https://www.skkg.ch/aktuell/wohin-damit-folge-11-2?ref=stellproben.ch) besprochen (2025).  
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