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# Setzungen
- URL: https://www.stellproben.ch/setzungen/
- Published: 2026-06-03T05:01:36.000Z
- Updated: 2026-08-26T15:34:29.000Z
- Description: Eine Küche und ihr Risiko
- Author: Alain Gloor
- Tags: #Migrated-1787749896042, #Import 2026-08-26 13:11, Generalprobe

Bevor es die [CAMPO](https://www.campo-winterthur.ch/?ref=stellproben.ch)\-Zwischennutzung gab, gab es ein Stück Land mit ein paar Gebäuden und die Frage, wie wir anfangen sollen. Nicht mit einer Umfrage in der Nachbarschaft, nicht mit einem partizipativen Grossworkshop. Sondern mit einer «Setzung»[1](#footnote-1): einer Küche und ein paar Tischen und Stühlen. Partizipation hiess für uns «Beziehungsarbeit». Um in Beziehung zu treten, braucht es einen Ort, wohin wir einladen können, wo man zusammensitzen und der auch von anderen genutzt werden kann.

In wenigen Monaten haben wir eine Küche gebaut – bis heute das Rückgrat der gesamten Zwischennutzung. Das meiste Material fanden wir im Untergeschoss des Gebäudes selbst. Bis vor Kurzem war hier die Firma Hexis tätig gewesen, die Brennstoffzellen produzierte (und Konkurs ging). Aus ehemaligen Laborsituationen und -utensilien wurden Gastroflächen aus Chromstahl. Büromöbel fanden neue Verwendung als Mobiliar in der Küche und Waschstrasse. Auch die allermeisten Küchengeräte haben wir *second hand* über verschiedene Kanäle gefunden. In einer anonymen, rauhen Industriehalle entstand eine *Re-use*\-Küche mit Ausstrahlung und einer eigenen Geschichte.

Nach zwei «Testessen» haben wir in unserer jährlich erscheinenden CAMPO Gazzetta eine kleine Annonce geschaltet: Wer hat Lust, unsere CAMPO Cantina für eigene Projekte und Ideen zu nutzen? Ich habe erwartet, dass wir genau nichts zurück hören. Als dann über zehn verschiedene Parteien am ersten Austauschtreffen auftauchten, war ich hocherfreut. Wir haben an diesem Abend zwei Parteien gefunden, die zu Partnerinnen geworden sind. Bis heute. Die eine bietet seit über einem Jahr von Montag bis Freitag einen Mittagstisch an, die andere veranstaltet abends Pop-up-Abendessen im Stil einer Osteria.

![](https://storage.ghost.io/c/c1/c9/c1c90385-2796-4b6f-b07a-efc06fd0a832/content/images/2026/08/6cc279e6-4e0c-40fc-a7df-cd407dae2f33_5712x4284-jpeg-1.jpg)

![](https://storage.ghost.io/c/c1/c9/c1c90385-2796-4b6f-b07a-efc06fd0a832/content/images/2026/08/ef618a95-94cc-484a-bf07-d419d83e7203_1920x1440-jpeg.jpg)

###### Die CAMPO Cantina: nachher/vorher (Bilder: A. Gloor)

Es war nie unser Ziel, als Stiftung selbst zur Gastronomin zu werden. Mittlerweile beginnt es schon um 10 Uhr fein zu riechen, es treffen sich unterschiedlichste Menschen zum Mittagstisch und an drei Tagen gibt es sogar noch Barista-Kaffee dazu. Die Infrastruktur mit Küche und Mobiliar für Gäste war und ist für uns vielmehr ein Modus, um in Beziehung zu treten – mit der Nachbarschaft, mit der Museumsszene, mit Menschen, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten.

Was heisst es, einen Gastronomiebereich im eigenen Haus zu haben? Wie gestalten wir die Zusammenarbeit mit den Partnerinnen, die die Küche nutzen? Wie viele Kühlschränke braucht ein Betrieb mit mehreren Teams, die vor Ort kochen? Nur auf die letzte Frage eine kurze Antwort: viele.

Wir haben sehr viel gelernt, sehr viel gearbeitet. Als unsere Cantina zur Referenz wurde für den Gastroberater, der mit uns die Küche für den Neubau plant, war das ein schöner Moment. Letzte Woche kam die Hygienekontrolleurin. So ein Konzept habe sie noch nie gesehen, sagte sie, spannend. (Die Kontrolle haben wir bestanden.)

Schritt für Schritt ist die Zwischennutzung lebendiger geworden. Vor allem durch Menschen aus dem Umfeld, die den Ort auch zu ihrem eigenen gemacht haben.[2](#footnote-2)

Es wäre auch möglich gewesen, zunächst die Nachbarschaft zu fragen: Was braucht ihr? Was fehlt euch am meisten? Das haben wir nicht gemacht. Wir haben einen ersten Schritt unternommen – in der Hoffnung, dass er angenommen wird. Es war eine Wette, und es hat glücklicherweise funktioniert. Eine Wette, die man auch anders lesen kann: Wer die Mittel hat, setzt. Wer sie nicht hat, wird gesetzt. Dass es funktioniert hat, bedeutet nicht, dass der Modus voraussetzungsfrei ist. Seit Kurzem steht eine [Sauna auf dem Parkplatz](https://www.campo-winterthur.ch/aktuell/manche-moegens-heiss?ref=stellproben.ch) – eine zweite Setzung. Ob die Wette auch dort aufgeht, sind wir gerade am Herausfinden.

Peter Sloterdijk kommt in seinem jüngsten Buch über Macht und Herrschaft[3](#footnote-3) am Ende an einen ähnlichen Punkt – nur von der anderen Seite. Er fragt, was bleibt, wenn es keine zentrale Instanz mehr gibt, die alles für alle richtet:

> «Wäre die Menschheit als ganze katholisch, ihr Papst hätte ein Allgemeines Konzil einzuberufen, um wie in letzter Minute die Selbstreform auf den Weg zu bringen. Da sie religionskulturell, konfessionell, ethnisch, politisch und ideologisch zersplittert ist, müssten die zahllosen Kräfte am Ort das Ihre tun, um üble Tendenzen aufzuhalten und lebbare Formen des Miteinanders zu kreieren. Aber ob konziliar oder lokal, ohne die gewöhnlichen Leute wird nichts zu machen sein. Sie sind, wie sie zur Freiheit verdammt sind, auch dazu verurteilt, auf ihre Weise etwas Grösse zu zeigen.»

Die «zahllosen Kräfte am Ort» – das klingt, als ob sie von selbst in Gang kämen. Aber was brauchen die Leute am Ort, bevor sie anfangen können? Zum Beispiel eine Küche. Vielleicht reicht das auch nicht. Aber ohne sie wäre vermutlich gar nichts passiert.

**Drei Sachen**

– Geese, [*Getting Killed: From the Basement*](https://www.youtube.com/watch?v=qIol9hig2G4&ref=stellproben.ch) (2025). Die erste Band seit fast drei Jahren in Nigel Godrichs Studio-Serie – ich bin lange nicht der einzige, der diese Band im Moment gut findet. Ich kann nicht genau sagen, warum, und das ist vielleicht der Zauber.

– Patricia Mou, [*23 learnings on building community and holding space*](https://wellnesswisdom.substack.com/p/20-learnings-on-building-community) (wellness wisdom, Substack, 2026). Trotz Clickbait-Anmutung: Trifft erstaunlich präzise, was passiert, wenn man Räume für Menschen öffnet.

– David Szalay, [*Flesh*](https://www.simonandschuster.com/books/Flesh/David-Szalay/9781982122799?ref=stellproben.ch). Booker Prize 2025, karge Prosa, grosser Sog – ein schweigender Mann als Motor einer nachhallenden Erzählung.

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1. «Setzung» – ein Begriff, über den wir damals im Team viel diskutiert haben. Ganz zu greifen haben wir ihn nie bekommen, aber das zeugt wohl auch von seinem produktiven Potenzial. [↩](#footnote-anchor-1 "Jump back to footnote 1 in the text.")
2. Während die [erste](https://cms.campo-winterthur.ch/uploads/documents/Dokumente/CAMPO%5FGazzetta%5FDRUCK%5FFINAL%5Fkl.pdf?ref=stellproben.ch) CAMPO Gazzetta vor allem aus einer Innenperspektive von der [Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte](https://www.skkg.ch/?ref=stellproben.ch) und von CAMPO erzählte, konnte die [zweite](https://cms.campo-winterthur.ch/uploads/documents/Dokumente/CAMPO%5FGazzetta%5FAusgabe%5F02%5FWeb.pdf?ref=stellproben.ch) ein Jahr später bereits mit einer Vielzahl Stimmen aus der Zwischennutzung gefüllt werden. [↩](#footnote-anchor-2 "Jump back to footnote 2 in the text.")
3. Peter Sloterdijk, *[Der Fürst und seine Erben](https://www.suhrkamp.de/buch/peter-sloterdijk-der-fuerst-und-seine-erben-t-9783518001363?ref=stellproben.ch)* (2026). Das Buch ist düster: Es geht darum, was die «Fürsten» von heute – Trump, Putin, Xi – mit den [Fürsten von Machiavelli](https://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2%5FMachiavelli?ref=stellproben.ch) zu tun haben. Ziemlich viel.  
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