Was hier gilt
Und wer es wie sagt
Nebenbefund – was das bedeutet
«Do you know how disgusting that is?» Ich erschrak, als mich die Frau, die mir frühmorgens entgegenkam, zurechtwies. Ich sass draussen auf einer Holzbank eines Cafés in Long Island City, New York. Gedankenversunken trank ich einen Flat White und rauchte eine Zigarette. Die Frau und ich hätten befreundet sein können, ähnliches Alter, ähnlicher Kleidungsstil, dachte ich. Sie riss die Tür zum Café auf, schlug sie dabei noch gegen ihren eigenen Fuss. Ich sass da. Erstaunt. Ich rauchte fertig. Überlegte mir, was ich sagen würde, wenn sie mich nochmals anspräche. Sie kam mit ihrem Coffee to go heraus, sah mich nicht mehr an und zog weiter.
Was hatte ich falsch gemacht? In meinem Kopf schob sich etwas zusammen: wie ich andere in New York beobachtet hatte, wie sie sich, aus dem Restaurant tretend, jeweils auf die äussere Seite des Trottoirs Richtung Strasse begaben, um zu rauchen. Das musste es sein. Ich hatte zu nahe am Gebäude geraucht. Ich fühlte mich ertappt. Aber auch gekränkt. Sie hielt mich wohl für einen New Yorker. Was mir in einer anderen Situation vielleicht geschmeichelt hätte, liess mich jetzt ratlos zurück. Ein Verbotsschild sah ich nirgends.
Ich habe später nachgeschaut. Es gibt ein Gesetz. Rauchen in Aussenbereichen von Gastronomiebetrieben ist in New York nicht erlaubt.1 Die Frau hatte das Gesetz auf ihrer Seite. Sie sagte aber «disgusting», nicht «illegal».
Ich kannte das Gesetz nicht. Das ist zuerst einmal Unwissen, und damit lässt sich umgehen: Man sagt jemandem, was gilt. Sie sagte mir aber nicht, was verboten war, sondern wie ekelhaft sie es fand. (Vielleicht hätte mich auch «illegal» gestört, je nachdem, wie sie es gesagt hätte.) «Feinfühlige Personen wissen, dass weniger Tatsachen als vielmehr Mitteilungen verletzen», schreibt der Philosoph Martin Scherer in seinem Essay Takt. Über Nähe und Distanz im menschlichen Umgang.2 So werden Manieren durchgesetzt: nicht mit Argumenten, sondern mit Ekel und Peinlichkeit. Für sie war das Gesetz zur Frage der Manieren geworden. Wer es brach, war in ihren Augen nicht unwissend, sondern unhöflich. Hätte sie mich nochmals angesprochen, hätte ich sie gefragt: «What is going on? What is the problem?»
Hausregeln, wie sie seit einigen Jahren im Rahmen sogenannter Awareness-Konzepte in Clubs, Kulturhäusern und Gemeinschaftsräumen hängen, waren mir immer suspekt, ohne dass ich wirklich hätte sagen können, warum. Scherer unterscheidet zwei Dinge, die mir beim Nachdenken geholfen haben. Höflichkeit ist Ritual, gilt für alle und kommt ohne Feingefühl aus. Hausregeln teilen mit der Höflichkeit eine entscheidende Eigenschaft: Sie gelten für alle, ganz gleich, wer gerade davor steht. Jedoch geht damit auch etwas verloren: «Feingefühl schafft keine Ordnung. Es lotet aus, tastet ab, beobachtet und erzeugt eine Intensität, die nicht den anderen, sondern dem anderen gilt.» Also einer konkreten Person in einem bestimmten Moment. Ich hätte lieber auf Takt gesetzt, darauf, dass Menschen einander mit Gespür begegnen, ohne dass man Regeln anschreiben muss. Begegnungen werden im besten Fall spielerischer, tastender, wenn wir ihnen keine Regeln voranstellen, dachte ich.
Was mir auf der Holzbank passiert ist, war das Gegenteil von Takt. Scherer nennt es Zudringlichkeit. Dabei mangle es «an Abwägung, ob und in welcher Weise überhaupt vom Gegenüber ein Kontakt erwünscht ist». Taktlos sei, «wer, berauscht von seinen Massstäben und Überzeugungen, andere überhört». Sie hat mich nicht gesehen. Sie hat eine Kategorie gesehen, in die ich passte, und danach gehandelt. Auf der Bank hat Takt nicht versagt. Er hat gefehlt. Und trotzdem war da die Intensität, die Scherer dem Feingefühl zuschreibt – nur kam sie aus dem Gegenteil. Takt ermöglicht Aufmerksamkeit. Taktlosigkeit erzwingt sie.
Der Takt war nicht da, obwohl ich ihn für selbstverständlich gehalten hatte. Nur: Wenn Takt das Selbstverständliche ist, kann man ihn schwer einfordern. Er lässt sich nicht auf ein Poster schreiben. (Gut, man könnte es versuchen. Aber wer Takt verlangt, ist schon nicht mehr taktvoll.) Ein Ort kann nicht darauf bauen, dass die Leute ihn haben – oder dass sie wissen, was damit gemeint ist.
Vor anderthalb Jahren war ich in der Kaserne in Basel an einem Konzert. Im Vorraum zur Toilette hing ein weisses Poster mit roter Schrift: «Kaserne House Rules». Drei Blöcke: kein Rassismus, kein Sexismus, keine Queerfeindlichkeit, kein Ableismus. Keine physische, psychische, sexuelle oder emotionale Gewalt. Keine Diskriminierung aufgrund politischer Überzeugung, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit, oder vergleichbares diskriminierendes Verhalten. Und unten, klein gedruckt: «Wenn du eine solche Situation beobachtest oder erfährst und nicht selbst bewältigen kannst oder möchtest, wende dich jederzeit an unsere Mitarbeitenden.» Dazu eine E-Mail-Adresse, für danach.

Es ist ein nüchternes Poster. Die drei Blöcke sagen, was nicht geht, wie ein Verbotsschild. Nur endet der dritte offen: «oder vergleichbares diskriminierendes Verhalten». Wer das anwendet, muss entscheiden, was vergleichbar ist. Auf der Bank in Long Island City gab es weder das eine noch das andere. Kein Schild, das mich gewarnt hätte. Niemand, an den die Frau sich hätte wenden können. Also wurde sie selbst das Gegenüber.
Was verboten ist, hat hier und dort nichts miteinander zu tun. Wie ein Ort es mitteilt, schon. Dort war nicht zu wissen, was gilt. Hier kann niemand behaupten, er habe es nicht gewusst. Wo Unwissen nicht mehr gilt, wird aus dem Fehler eine Absicht.3
Was hätte auf der Holzbank geholfen? Ein Verbotsschild hätte mir gesagt, was gilt. Aber es antwortet nicht, wenn man es etwas fragt. Die Frau wiederum erklärte nicht, was sie meinte. Ihr nachzurufen wäre zudringlich gewesen. Aber sie kam ja nochmals heraus. Sie hätte erklären können. Ich hätte fragen können. Ich habe stattdessen weitergeraucht und mir überlegt, was ich sagen würde – für den Fall, dass sie nochmals anfängt. Auch das ist eine Art, jemanden nicht zu sehen. Und das Poster? Drei Blöcke für das, was nicht passieren darf. Eine Zeile für den Fall, dass es passiert. Das Wichtigste steht vielleicht deshalb im Kleingedruckten: dass es Mitarbeitende gibt, an die man sich wenden kann.
Fehlte ein Mitglied einer Awareness-Crew? Jemand, bei dem ich hätte fragen können, was gilt, und bei dem sie es nicht selbst hätte austragen müssen. Gelöst ist damit nicht alles. Wer diese Rolle übernimmt, hat eigene Vorstellungen davon, was sich gehört und wie Regeln zu verstehen sind. Und kann sie auch durchsetzen. Das Problem verschiebt sich. Weg von uns beiden.
Bei Scherer kommt «dem Unausgesprochenen grösste Bedeutung zu; im Feingefühlsleben führt alles Explizite so gut wie immer zum Debakel». Ein Poster oder eine Person, die angesprochen werden kann, wäre genau das. Nur war auf der Bank das Unausgesprochene gerade das Problem. Die Frau hat nicht erklärt, ich konnte nicht fragen, und wir sind beide schlechter dabei weggekommen. Wer den Takt gegen die Hausregeln oder die Awareness-Crew verteidigt, verteidigt einen Zustand, in dem die Unwissenden den Kürzeren ziehen. Nur kostet das Anschreiben auch etwas: Wer sich danach noch falsch verhält, tut es nicht mehr aus Unwissen. Wo nichts angeschrieben steht, gibt es nichts, worauf man zeigen kann.
Und trotzdem geht, da gebe ich Scherer recht, mit der Hausregel und der Awareness-Crew etwas verloren. Mit einem Dritten wären die Frau und ich uns gar nicht erst begegnet. Sie hätte sich an die Theke gewandt, jemand hätte mich gebeten, weiter weg zu rauchen, und ich hätte es getan. Das wäre der bessere Morgen für mich gewesen.
Aber vielleicht kann man das eine haben, ohne das andere zu verlieren. Das Poster sagt es selbst, im Kleingedruckten: «Wenn du eine (...) Situation (...) nicht selbst bewältigen kannst oder möchtest (...)». Wer möchte, trägt es direkt aus. Hier ersetzt der Dritte die Begegnung nicht. Er ist für die da, die sie nicht austragen will, und für den, der nicht weiss, was gilt. Es bleibt ein Spielraum. Distanz bleibt möglich. Der Philosoph Helmuth Plessner, auf den sich Scherer beruft, hat die Distanz nicht als bürgerliche Verhaltenslehre verstanden, sondern als Antwort auf ein Bedürfnis: sich zeigen zu können, ohne sich ganz preiszugeben, und sich zu öffnen, ohne dem anderen zu nahe zu treten.4 Eine gemeinsame Grundlage muss dann nicht heissen, dass alle dasselbe für richtig halten. Es genügt, dass klar ist, wen man fragen kann. Das ist wenig. Es verlangt aber niemandem ab, dass er dazugehört. Und das ist vielleicht die zentrale Voraussetzung für ein funktionierendes Zusammenleben.
Ich wünsche mir einen Ort, an dem ich nicht schon wissen muss, was gilt – es aber herausfinden kann.
Ich rauchte fertig. An ein Schild mit einem klaren Rauchverbot hätte ich mich gehalten. Aber so, wie sie mich anfuhr, so nicht. Ich fand sie nicht besonders taktvoll. Sie mich auch nicht. Zur Begegnung wurde es erst jetzt.
New York City Department of Health, Smoke-Free Air Laws (2026). ↑
Martin Scherer, Takt. Über Nähe und Distanz im menschlichen Umgang (2024), S. 89. Die weiteren Zitate: S. 61, 91, 98, 87. ↑
Es geht auch umgekehrt. Das österreichische Bundesland Oberösterreich hat im Januar 2026 eine OÖ. Hausordnung beschlossen, dreizehn Regeln, seit Februar in Kraft und in zehn Sprachen übersetzt – geschrieben für die, denen man Unwissen unterstellt. Regel dreizehn lautet: «Unsere Kultur verdient Respekt – wer hier lebt, hat sie zu achten.» In Regel fünf steht: «Wer dazugehören will, muss lernen.» Das ist der Unterschied zum Poster im Vorraum: Dort steht, was man nicht tut. Hier steht, wer man werden soll. ↑
Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft (1924), zitiert nach Scherer, S. 81. ↑
Drei Sachen
– The Ezra Klein Show, What ‘Hyperpolitics’ Explains About This Era (2026). Der Historiker Anton Jäger über Politisierung ohne Folgen – viel Bewegung, wenig, woran sie sich festhalten kann.
– Tim Bernardes, Mil Coisas Invisíveis (2022). Aus São Paulo, und man braucht kein Portugiesisch dafür.
– David Foster Wallace, Das hier ist Wasser / This is Water (2005, deutsch 2012). Wallace schlägt vor, sich bei jedem, der einen anschnauzt, vorzustellen, dass er einen sehr schwierigen Tag hat.