Berühren mit oder ohne Handschuhe
Noguchi nach Noguchi
Ortstermin – was das bedeutet
Im Mai war ich erstmals im Noguchi Museum in Queens, New York. Im Garten, wo Skulpturen des amerikanisch-japanischen Bildhauers Isamu Noguchi ausgestellt werden, stehen auch Sitzbänke, die er entworfen hat. Zu einer Skulptur aus Basalt von 1983, Garden Seat, schrieb Noguchi, es sei ein Sitz, der auch Skulptur ist, oder eine Skulptur, «which may be sat on». Das lese ich erst nach dem Besuch. Dieses Werk steht in der Eingangsgalerie, halb drinnen, halb draussen. Niemand setzt sich darauf. Der Kontext macht die Arbeit, hier sind wir in einem Museumsraum.

Im Garten herrscht eine andere Atmosphäre. Freier Himmel, weniger Museum. Ich beobachte, wie eine Museumsmitarbeiterin ein paar Besucher:innen zurechtweist, die sich auf eine steinerne Sitzbank von Noguchi gesetzt hatten.1 Woran man erkennt, wo man sitzen und was man berühren darf, ist mir nicht klar. Die Wege sind aus Beton, die Werke stehen im Kies. Im Kies liegen aber auch Matten, auf die man sich setzen kann. Hielte das Museum das bewusst offen, fände ich das eine mutige Entscheidung. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.2 Wer falsch rät, wird zurechtgewiesen.

Wenig später komme ich mit der Museumsmitarbeiterin ins Gespräch. Sie erzählt, Noguchi habe es zu Lebzeiten richtig gefunden, dass man seine Skulpturen berühre und sich auf die setze, die dazu einladen. Seit seinem Tod gehe aber das Konservieren vor. Noguchi ist nicht mehr da, um es gutzuheissen, und auch nicht, um damit umzugehen, wenn ein Stein leidet. Nahm einer Schaden, konnte er nacharbeiten. Das kann das Museum nicht.
Vor sechs Wochen schrieb ich hier über das MASP in São Paulo, wo eine neue Museumsleitung 2015 die Bilder wieder auf die Glasstelen der Architektin Lina Bo Bardi stellte, die eine frühere Leitung abgeschafft hatte. Wer in Queens entschieden hat, die Erlaubnis des Künstlers zurückzunehmen, weiss ich nicht. Ich sehe, wie es die Mitarbeiterin im Garten umsetzt.
Im Shop kann man die Akari kaufen, Noguchis Papierlampen. Er nannte sie «Skulpturen, die nachts leuchten».3 Gemacht werden sie bis heute von Hand in Gifu, wo Noguchi 1951 die ersten entwarf. Die Rechte für Nordamerika hält das Museum selbst, die für Europa Vitra. Das Anfassen wird hier toleriert – vielleicht wird ja eine gekauft. Geht eine dabei kaputt, kommt die nächste aus Gifu.
Eine der Steinbänke im Garten hat Noguchi Anfang der 1980er-Jahre für California Scenario entworfen, einen Garten in Kalifornien. Das Museum hat sie 2021 fertigen lassen, in achtzig Prozent der Grösse. Auf dieser Bank sassen die Besucher:innen, die zurechtgewiesen wurden.

Ganz verboten ist das Berühren auch bei Noguchis Skulpturen nicht. Wer blind ist oder schlecht sieht, kann sich zu einer Touch Tour anmelden und sie mit Handschuhen ertasten. Zum Garden Seat schrieb Noguchi auch, das Taktile einer Skulptur sei für das Denken so wichtig wie das Sichtbare. Kinder bekommen am Empfang einen Sticker, der sie daran erinnert, mit den Augen zu schauen, nie mit den Händen.
Auf einer Holzbank vor einem Café in Long Island City war ich es, der zurechtgewiesen wurde. Davon handelt «Was hier gilt». ↑
Ein Jahr vor meinem Besuch zeigte das Museum Entwürfe von Designstudierenden des Pratt Institute für den Garten. Einer schlug vor, die Skulpturen, die man nicht berühren darf, mit Ringen aus feinem Splitt zu umgeben, statt Schilder aufzustellen. The Noguchi Museum, Noguchi + Pratt 2025 (2025). ↑
Isamu Noguchi, What Is Sculpture? (1986), Statement zum US-Pavillon, ausgestellt in Light and Stone. In Venedig zeigte er die Akari gegen den Rat von Henry Geldzahler und anderen, die fürchteten, der kommerzielle Ruf der Lampen werde Kritik auslösen. ↑
Drei Sachen
– Theo Gee, The Last Tastemaker (2026). Ein Kurzfilm, in dem der Gründungsdirektor des Londoner Design Museum ein Trinkglas und einen Kugelschreiber als vollendetes Design beschreibt und dann bei der künstlichen Intelligenz ankommt.
– Cameron Winter, Live at Carnegie Hall (2026). Ein Konzert, bei dem der Sänger von Geese allein am Klavier sitzt und Paul Thomas Anderson von der Bühne aus filmt. Der Film kommt in Europa erst 2027.
– Blair Braverman, He Went Out on an Epic Wilderness Adventure. Only His Dogs Came Back. (The New York Times Magazine, 2026). Eine Reportage über einen Norweger, der an der Hudson Bay ertrinkt, und darunter über tausend Kommentare, in denen sich Leser:innen für eine Menschlichkeit bedanken, die sie im eigenen Leben vermissen.