Where I End and You Begin

Und wo es Horror ist

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Nebenbefund – was das bedeutet

Im Horrorfilm Obsession (2025) von Curry Barker sitzen die beiden Hauptfiguren Nikki und Bear im Restaurant, ein romantisches Dinner zu zweit. Bears Telefon vibriert erneut, dieses Mal nimmt er ab und geht vom Tisch weg. Ian, ein Arbeitskollege, sagt, Nikkis Vater habe gar keinen Krebs. Und Nikki habe vor Kurzem noch gemeint, Bear sei für sie wie ein kleiner Bruder. Bear kommt zurück an den Tisch. Sie sagt, sie liebe ihn, sie könne nicht ohne ihn leben. Bear fragt zurück: «You love me more than anyone in the world?» Sie bejaht. Dann fragt er, ob ihr Vater wirklich Krebs habe. Sie gibt die Lüge zu und beginnt zu schreien und zu weinen, sie habe gedacht, das sei ein schönes Date. An den Nebentischen wird es unruhig.

Bears Frage ist ein Test. Mit diesen Worten hatte er sich Nikkis Liebe gewünscht, fast eins zu eins. Er will hören, ob der Wunsch wirkt, und er hört es. In der Szene fliesst kein Blut. Ich habe sie trotzdem nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Bear arbeitet mit Nikki, Ian und Sarah in einem Musikladen und ist in Nikki verliebt. In einem Kristallladen will er ihr eine Halskette kaufen und nimmt stattdessen einen vermeintlichen Scherzartikel mit, die One Wish Willow, ein Stück Holz in einer Schachtel. Wer es zerbricht, hat einen Wunsch frei. Man kann den Film als Film über Consent sehen, über einen jungen Mann, der meint, eine Frau stehe ihm zu. So wird er meistens besprochen, zu Recht.1 Was mich an Obsession festhält, liegt eine Schicht darunter.

Der Film beginnt mit einer Probe. In einem Diner übt Bear sein Liebesgeständnis. Die Frau, die ihn bedient, spielt Nikki. Ian, der zuhört, findet Bears Worte peinlich, er sagt, Nikki würde sich übergeben. Die Frau fand es süss. Einige Szenen später sitzen Bear und Nikki im Auto vor ihrem Haus. Sie verabschieden sich, Nikki geht Richtung Haus, er ruft ihr «Freaky Nikki» hinterher, wie sie früher in der Schule genannt wurde. Sie kehrt zurück und sagt, er solle das lassen, sie möge das nicht. Dann fragt sie, ob er sie mag. Wenn ja, sei jetzt der Moment, es zu sagen. Er bringt es nicht über die Lippen, murmelt etwas in die Richtung, dass sie gut befreundet seien. Sie geht ins Haus. Er nervt sich über sein Unvermögen, zerbricht das Holz und sagt: «I wish Nikki Freeman loved me more than anyone in the fucking world.» Der Wunsch geht in Erfüllung.

Verlieben kann man sich nicht vornehmen. Man kann nur dorthin gehen, wo es passieren könnte, und etwas riskieren. Bear hat das im Diner geübt, mit einer Stellvertreterin. Als die echte Nikki ihm den Moment anbietet, weicht er aus. Hätte er Ja gesagt, hätte sie Nein sagen können. Das Wunschholz erspart ihm das.

Jean-Paul Sartre hat einen Widerspruch beschrieben, der zu jeder Liebe gehöre. Wer liebt, will freiwillig geliebt werden und zugleich sicher sein, dass es so bleibt. Doch beides zusammen geht nicht. Was sicher ist, ist nicht mehr freiwillig.2 Bei Bear hat noch gar nichts angefangen. Er will die Sicherheit, bevor es etwas gibt, das sicher sein könnte. Für Sartre sind die beiden sich widersprechenden Wünsche kein Sonderfall. Sie treffen auf alle zu, die ernsthaft lieben. Niemand kommt daraus heraus.

Der tschechische Philosoph Jan Patočka hat bestritten, dass die Liebe darin enden muss. In Phänomenologie des Lebens nach dem Tod, einem Essay aus dem Nachlass, der dieses Jahr auf Deutsch erschienen ist, beschreibt er zwei Möglichkeiten, sich zum Anderen zu verhalten. Die erste bestehe darin, ihn «restlos in den Kreis meiner Existenz, meines Bedürfnisses zu ziehen».3 In ihr steckt derselbe Widerspruch wie bei Sartre. Man ziehe den Anderen in den eigenen Kreis, «ungeachtet dessen, dass ich den Anderen als Anderen brauche» (meine Hervorhebung). Die zweite Möglichkeit sei, «ihn sein zu lassen». Sie beruhe «hauptsächlich auf der Unterdrückung der ersten Möglichkeit und auf einem ständigen Kampf gegen sie». Sie fehlt bei Sartre.

Der Film zeigt den Widerspruch der ersten Möglichkeit in einer Szene. Nach einer Party bei Ian bittet Bear Nikki, einfach Nikki zu sein. Sie antwortet, sie könne alles sein, was er wolle. Bear: «Nikki wouldn’t say that.» Dann fragt er, ob sie ihn überhaupt mag, und schliesslich, als spräche er von einer Dritten, ob Nikki ihn möge. Sie antwortet, sie sei seine «Freaky Nikki». Was sie in der Szene vor dem Auto abgelehnt hatte, nimmt sie nun an. Bear will jetzt beides, eine Nikki, die ihn freiwillig liebt, und eine Liebe, die sicher ist. Noch in derselben Nacht verlangt er, dass sie nach Hause geht, dass sie beide Abstand nehmen.

Nikki liebt Bear, ohne es zu wollen, und gleichzeitig gibt es ausser ihm nichts mehr. Sie klebt die Haustür mit Klebeband zu, damit er nicht gehen kann. Gegen Ende sagt sie, sie wolle ihn auffressen. Die Band Radiohead hat ein Lied, Where I End and You Begin (2003), das mit diesem Bild endet. Die Zeile «I will eat you alive» wechselt sich ab mit «There’ll be no more lies», so oft, bis man nicht mehr weiss, wie man sie hören soll, als Liebesbeweis oder als Drohung. Am Anfang des Lieds ist die Lücke zwischen zwei Menschen der Ort, an dem sie sich treffen. Bears Wunsch hat diese Lücke geschlossen. Und doch sträubt sich etwas in Nikki. In der ersten Nacht küsst sie Bear und schreit dann auf. Auf Ians Party küsst sie ihn wieder, schreit, das sei nicht sie, und sticht sich mit einer zerbrochenen Flasche ins Gesicht. Das Sträuben richtet sich gegen sie selbst.

Bear ruft die Telefonnummer auf der Packung des Wunschholzes an. Er will den Wunsch abändern. Als das nicht geht, will er stornieren. Der Mann am Telefon sagt ihm, der Wunsch ende erst mit seinem Tod, und Nikkis Liebe sei echt: «Just because you chose this for her doesn’t make it less real.» Auch Bear kommt nicht mehr raus.

Nikki und Bear im Bett, sie schläft an seiner Schulter, er sitzt wach daneben
Nikki und Bear. Obsession, 2025. Bild: Universal Pictures Home Entertainment.

Später, in einer Nacht, ist Nikki einen Moment lang klar und bei sich. Sie sagt, die andere schlafe, sie sei es. Sie bittet ihn, sie zu töten. Er fragt, was denn so schlimm daran sei, mit ihm zusammen zu sein. Sie antwortet: «I’ve never been with you, Bear.» Bear hört darin nur, dass sie ihn nicht will. Was sie für sich selbst will, hört er nicht. Ihre Bitte zu erfüllen, wäre keine Antwort darauf. Sie sein zu lassen hiesse, ihr Nein als ihres zu hören, auch wenn es gegen ihn geht. Den Wunsch zurücknehmen kann er nicht mehr. Ihr Nein zu hören, wäre die kleinste Form von Patočkas Kampf, die ihm noch bleibt. Bear gelingt nicht einmal das.

Bear hält das alles für eine Sache zwischen zwei Menschen. Es sind aber mindestens vier. Ian, der ihn im Diner coacht, hat laut Sarah seit zwei Jahren eine lose Affäre mit Nikki. Sarah, die Bear vor Nikki warnt, ist selbst in ihn verliebt. Nikki tötet beide. Wer nur noch einen Menschen kennt, dem sind alle anderen im Weg. Patočka schreibt, wir lebten mit den Anderen «in einem gemeinsamen wechselseitigen Drama», auch wenn es «in den alltäglichen Begegnungen, Gesprächen, Freundlichkeiten und Ärgernissen oft banal und stereotyp ist». Ein Trivia-Abend zu Beginn des Films, Jenga auf Ians Party. Das ist dieses Drama. Zusammenleben heisst, dass es nie nur zwei sind. Bear hat Nikki in seinen Kreis gezogen. Dass sie längst in anderen stand, hat er nicht bedacht.

Ob Nikki Bear vorher mochte, lässt der Film offen. Im Auto sagt sie, wenn sie in einen Mann verliebt sei, merke das niemand. Verloren hat Bear jedenfalls die Möglichkeit, dass es von selbst entstanden wäre. Im selben Essay schreibt Patočka, man könne einem Anderen helfen, «wirklich und nicht nur dumpf zu existieren», und das, «ohne es uns zum Ziel zu setzen». Bears Ziel war ihre Liebe. Bekommen hat er eine Nikki, die nur noch dumpf existiert. Man kann nicht wollen, dass jemand frei ist. Wollen kann man nur, niemanden einzuziehen.

Bears Frage im Restaurant kenne ich aus meiner Arbeit, allerdings verkehrt herum. Man fragt Menschen im Sinne der Partizipation, was sie sich wünschen, und ist enttäuscht von dem, was man hört. Es ist unrealistisch, oder es ist immer dasselbe. Warum dann fragen? Bear hat gefragt und nur sich selbst gehört. Die Enttäuschung ist das Zeichen, dass jemand anderes geantwortet hat. Ein Ort, an dem Menschen zusammenleben, braucht Fragen, auf die etwas kommen kann, das man nicht hören will. Und Menschen, die es stehen lassen.

Man könnte auch einfach aufhören zu fragen und das Sein-Lassen nennen. Und man könnte einwenden, hinter dem Sein-Lassen stecke oft bloss Verzicht, weil man nicht bekommt, was man will. Oder Bequemlichkeit, ein Stehlen aus der Verantwortung. Wo die Linie verläuft, ist eine Frage, die mich wohl für immer beschäftigen wird.

Am Ende schliesst Bear sich im Badezimmer ein und nimmt eine Überdosis Schmerzmittel. Der Wunsch endet erst mit seinem Tod, so hatte es der Mann am Telefon gesagt. Vor der Tür schlägt Nikki vor, sich zu trennen, Abstand zu nehmen. Es sind seine Worte von nach der Party. Dann zerbricht sie ein weiteres Wunschholz, das Bear mitgebracht hatte. Was sie sich wünscht, hört man nicht. Man sieht es: Bear kommt heraus, sie lachen, er küsst sie. Für einen Moment lieben sich beide, und niemand kann mehr Nein sagen. Da stirbt Bear schon.

  1. Zum Beispiel Meagan Navarro, ‹Obsession› Review – Curry Barker Terrifies with Wish Fulfillment Horror, Bloody Disgusting, 6. September 2025; Eric Hillis, New Release Review – Obsession, The Movie Waffler, Mai 2026. Beide lesen den Film über Consent und das Anspruchsdenken des Nice Guy. ↑

  2. Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts (1943, deutsch 1991). Die Stelle im Original: L’être et le néant, S. 434. Im Text sinngemäss. ↑

  3. Jan Patočka, Phänomenologie des Lebens nach dem Tod (deutsch 2026), entstanden nicht vor 1972. ↑


Drei Sachen

– Jacques Tati, Playtime (1967). Ein Spielfilm in einem eigens gebauten Paris aus Glas und Stahl, in dem sich alle verlaufen, bis ein Restaurant am Eröffnungsabend auseinanderfällt und erst dann zu einem Fest wird.

– Frederick Wiseman, National Gallery (2014). Ein dreistündiger Dokumentarfilm über ein Londoner Museum, in dem Budgetsitzung, Restaurierung und Führung dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie die Bilder.

– Two Point Studios, Two Point Museum (2025). Ein Computerspiel, in dem man ein Museum aufbaut, Exponate von Expeditionen zurückholt und die Besucher:innen mit Führungen und Spendenboxen bei Laune hält.